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Ende eines Traumes oder große Chance? Alyssa Meyer und Olaf Roggensack im Interview

Alyssa und Olaf über die Verschiebung der Olympischen Spiele

Am 24.03.2020 beschloss das Internationale Olympische Komitee (IOC), dass aufgrund der Corona-Pandemie die Olympischen Spiele in Tokio auf 2021 verschoben werden sollen. Dies betrifft auch die Paralympischen Spiele. Eine sporthistorische Entscheidung. Aber was bedeutet diese Entscheidung eigentlich konkret für die Sportler?

Die Verschiebung von Olympia trifft jeden einzelnen Sportler ganz individuell und hat verschiedene Auswirkungen. Zu den Betroffenen zählen auch die Ruderer Alyssa Meyer und Olaf Roggensack vom Ruder Club Tegel 1886 e.V.

Alyssa Meyer Quelle: Deutscher Ruderverband/ Detlev Seyb und Maren Derlien

Alyssa Meyer ist seit 2016 in der Frauen-Nationalmannschaft aktiv und gehört mit ihren 25 Jahren aktuell zu den Ältesten im Team Frauen-Achter.

Anfang März 2020 mussten die Damen des Frauen-Achters das letzte Vorbereitungstrainingslager auf die olympische Saison abbrechen und verfrüht aus Ourense (Spanien) abreisen. Nach Informationen über eventuelle Grenzschließungen packten die Sportlerinnen und Betreuer innerhalb eines Nachmittages all ihre Sachen, verluden die Boote auf Hänger und traten hektisch mitten in der Nacht die Abreise an. Anschließend ging es zu Hause direkt ins Heimtraining, da außerdem alle Bundesstützpunkte und Vereine geschlossen wurden. Etliche Trainingsmaterialien, wie z.B. Ruderergometer, Spinning Bikes sowie Hanteln und Gewichte für das Krafttraining, wurden den Ruderinnen nach Hause geliefert, um wenigstens in der Wohnung oder im Garten trainieren zu können.

„Der Fokus lag darauf fit zu bleiben. Man konnte damals noch nicht erahnen, dass die komplette Saison abgesagt werden würde“, erklärt Alyssa.

Doch einfach fiel die plötzliche Umstellung auf das mitunter einsame Heimtraining ohne Teamkolleginnen nicht. Alyssa berichtet folgendermaßen von ihren Motivationsproblemen: „Nach mehreren Wochen Training ganz allein fiel es mir oft schwer, mich für die harten Trainingseinheiten auf dem Ergometer zu motivieren. Aber ich wusste, dass die anderen Mädels dasselbe durchmachten, und so habe ich es für das Team durchgezogen. Mein Team, sowie das Ziel der Teilnahme an meinen ersten Olympischen Spielen, gibt mir Motivation.“

Der Kontakt zur Mannschaft war jedoch immer da. Jede Woche gab es Online-Meetings, bei denen Trainer Tom Morris die Mannschaft motivierte und das weitere Vorgehen besprochen wurde. „Unser Trainer sagt immer: ‚Nichts ist unmöglich‘. Wir wollen das bislang Unmögliche möglich machen und uns für die Spiele qualifizieren.“

Olympia-Verschiebung eine faire Entscheidung              
Alyssa hält die Verschiebung der Olympischen Spiele auf 2021 für eine faire Entscheidung. In den verschiedenen Ländern gab es sehr unterschiedliche Anti-Corona-Richtlinien, sodass einige Athleten fast normal weitertrainieren konnten, andere hingegen nicht einmal mehr das Haus verlassen durften. Während der Krise zu Hause in Deutschland zu trainieren, war für die Nationalmannschaft kaum ein Nachteil. Nach einigen Lockerungen der Vorschriften hat der Frauen-Achter nun den Ruder-Stützpunkt in Potsdam zur freien Verfügung.

„Morgens um 7Uhr kann man super rudern, wir haben den Kraftraum, wir gehen Laufen und viel Fahrrad fahren. Man kann hier super trainieren“, so Alyssa.

Für eine direkte Qualifikation für die Olympischen Spiele in Tokio hat es für den deutschen Frauen-Achter bisher nicht gereicht. Im Mai des kommenden Jahres hat die Mannschaft noch eine letzte Chance, sich beim dritten World Cup in Luzern nachzuqualifizieren. Dort wird das Team wahrscheinlich sowohl mit einem Achter, als auch einem Zweier an den Start gehen.

Für den Frauen-Riemenbereich bedeutet die Verschiebung von Olympia also vor allem eines: Glück im Unglück. Denn so bietet sich den Riemerinnen die enorme Chance, mit einem Jahr mehr hartem und intensivem Training, die Nachqualifikation für Olympia 2021 zu schaffen. „Unser Trainer Tom kam relativ knapp 2019 zu uns und konnte noch nicht intensiv genug mit uns arbeiten. Über den letzten Herbst und Winter hat man schon gemerkt, dass wir deutliche Schritte nach vorne machen, dass wir stärker werden, auch als Team, dass wir das Boot schneller bewegen können. Und dieses konzentrierte, fokussierte Arbeiten mit ihm, da können wir innerhalb eines Jahres noch so viel erreichen.“, so Alyssa.

Wir sind ein super starkes Team            
Dass die Konkurrenz nicht schläft, ist Alyssa und ihrem Team natürlich trotzdem bewusst. „Aber wir sind ein junges, super starkes Team. Wir verstehen uns alle sehr gut und motivieren uns gegenseitig. Wir wollen im Team ein gemeinsames Ziel erreichen: die Olympischen Spiele. Das motiviert mich tagtäglich. Es macht einfach Spaß und man merkt unserem Team auch an, dass wir alle richtig dafür brennen.“

Für die berufliche Karriere von Alyssa bedeutet die Verschiebung von Olympia, noch ein weiteres Jahr ihre Ausbildung bei der Bundespolizei aussetzen zu müssen.

„Ein großes Dankeschön geht an die Bundespolizei, dafür, dass sie mir die Auszeit und damit die bestmögliche Vorbereitung auf die Olympischen Spiele ermöglicht“, bedankt sich Alyssa.

Ende des Jahres, nach der einzigen geplanten Regatta in 2020, der Europameisterschaft in Polen im Oktober, wird die Frauen-Riemenmannschaft den nächsten Trainingslagerblock beginnen:  vier Trainingslager in Spanien und Portugal stehen an. „Das bedeutet, wir sind den ganzen Winter unterwegs. Daher genießen wir jetzt die Zeit zu Hause.“

An aufgeben ist nicht zu denken
Sollten die Olympischen Spiele in Tokio auch 2021 nicht stattfinden können und komplett abgesagt werden, könnte dies für einige Athletinnen und Athleten das Ende ihres lang gehegten Traumes bedeuten. Alyssa würde ihren Fokus dann definitiv zunächst auf ihre Ausbildung bei der Bundespolizei legen. Doch für sie ist an aufgeben noch nicht zu denken: „Die Bundespolizei würde mich sicherlich auch noch weiterhin in Hinblick auf Paris 2024 unterstützen. Aber so weit will ich noch gar nicht denken. Ich hoffe, dass die Olympischen Spiele nächstes Jahr in Tokio stattfinden werden, und dass wir auch Teil dieser Spiele sein können.“

Ganz ähnlich steht es auch um Olaf Roggensack. Auch er befindet sich zurzeit in der Ausbildung der Spitzensportförderungsgruppe der Bundespolizei. Daher ist die Verschiebung von Olympia für ihn und seinen weiteren Lebensweg nicht existenzbedrohend. Auch Olaf kann den Vorteil nutzen, dass die Bundespolizei seine Ausbildung für ein weiteres Jahr pausieren lässt, sodass auch er sich optimal auf Olympia 2021 vorbereiten kann.

Olaf Roggensack Quelle: Deutschlandachter.de/ Detlev Seyb

Mit seinen 23 Jahren ist Olaf noch einer der Jüngsten unter den geförderten Spitzensportlern. Deshalb steht für ihn fest: „Nach Olympia 2021 werde ich auch weiter Rudern. Ich werde meine Ausbildung bei der Bundespolizei beenden und alles für mein Ziel Olympia 2024 tun.“

Im Januar dieses Jahres schaffte Olaf den Sprung in den Deutschland-Achter, welcher auf beeindruckende Art und Weise alle drei vergangenen Weltmeisterschaften für sich entscheiden konnte. Es sollte Olafs große Chance sein, gleich im Olympiajahr als Neuling im deutschen Paradeschiff sitzen zu dürfen. Denn unter Ruderern gleicht ein Rollsitz im Deutschland-Achter dem Ritterschlag.  Doch was bedeutet die Verschiebung der Olympischen Spiele für ihn und seine Position im Achter? Olaf erklärt: „Nur weil man in diesem Jahr im Team war, bedeutet es nicht automatisch, dass man im nächsten Jahr auch wieder dabei ist. Gerade auch durch meine Verletzung muss ich mich nun durch viel Ehrgeiz im Training und durch gute Leistung wieder empfehlen, um dann im nächsten Jahr hoffentlich wieder den Sprung in den Achter zu schaffen.“

Roggensack musste nach Radunfall an der Schulter operiert werden
Als im Zuge der Lockerungen das Rudern zumindest für Kaderathleten wieder möglich war, erlitt Olaf unglücklicherweise einen Fahrradunfall und musste an der Schulter operiert werden. „Die letzten Wochen bin ich deshalb nur noch drinnen Wattbike gefahren, um mich fit zu halten.“

Zur Entscheidung über die Verschiebung der Olympischen Spiele sagt Olaf Folgendes: „Ich war natürlich erst einmal super enttäuscht. Aber in der Situation, die die Welt gerade durchlebt, war es die absolut richtige Entscheidung. In einigen Teilen der Welt sind tausende von Menschen an einer Krankheit gestorben. Da ist ein Sportereignis, auch wenn es für uns Sportler so viel bedeutet, erst einmal unwichtig.“

Kraft und Energie für ein weiteres Jahr Vorbereitung auf die Spiele scheint Olaf aufzubringen: „Ich bin jung und mein Leben ist zurzeit vollkommen auf den Rudersport ausgerichtet. Durch die Unterstützung der Bundespolizei und die Unterstützung der Sporthilfe bin ich finanziell abgesichert und kann mich voll und ganz auf mein Training fokussieren.“

Olafs Freundin, die mit ihm in Dortmund lebt, genauso wie seine Familie in Berlin, unterstützen ihn voll und ganz. Ebenso wie die Frauen-Riemenmannschaft haben auch die Männer während der Krise einen Großteil der Zeit individuell zu Hause trainiert. Während dieser Wochen ist die Mannschaft um Olaf über die sozialen Medien in Kontakt geblieben. Erreichte Ziele im Training wurden im Team ausgetauscht und miteinander geteilt: „Wir haben uns auch virtuell zu bestimmten Zeiten zum Training verabredet, um, auch wenn jeder alleine zu Hause trainiert hat, noch das Gefühl zu haben, dass man so etwas als Team durchsteht.“

Da die Olympiaverschiebung recht früh bekannt gegeben wurde, konnte das Trainingspensum etwas heruntergeschraubt werden. Trotzdem standen Ergometer und Fahrrad fahren stets auf dem Programm: „Außerdem war ich öfters mit meiner Freundin zusammen joggen. Joggen zählt eigentlich nicht zu meinen Lieblingssportarten. Aber in der Zeit war ich einfach froh, auch mal draußen mit jemandem zusammen Sport zu machen. Rudern durften wir natürlich nicht.“

So wie Alyssa genießt auch Olaf nun die ungeplante Zeit zu Hause im Kreis seiner Familie: „Eigentlich wären wir von März bis August quasi durchgängig unterwegs gewesen. Meine Freundin und meine Familie hätte ich in dieser Zeit nur sehr wenig gesehen. So brachte die Krise auch schöne Sachen mit sich.“

„Vermisse die Wettkämpfe“
Trotzdem fehlt dem Sportler etwas: „Natürlich vermisse ich die Wettkämpfe und hoffe, dass ich in diesem Jahr noch an einem teilnehmen kann. Durch meinen Fahrradunfall und den dadurch entstandenen Ausfall kann ich aber eigentlich froh sein, dass mein Körper die Zeit bekommt, die er braucht, um sich zu erholen und wieder voll einsatzfähig zu werden – für den Moment, wenn es wieder voll drauf ankommt.“

Mittlerweile schnuppern die Ruderer der deutschen A-Nationalmannschaft wieder etwas „Regatta-Luft“: nach mehreren Monaten Corona-bedingter Wettkampfpause fanden nun erste interne Testrennen in Ratzeburg statt. Die lang ersehnten Momente des Adrenalins in den Startblöcken und der großen Emotionen auf der Ziellinie scheinen nun nicht mehr ganz so weit entfernt zu liegen, wie während der langen, eintönigen Zeit des Heimtrainings der letzten Monate.

Für alle weiteren Testrennen und Wettkämpfe wünscht der Ruder Club Tegel der deutschen Nationalmannschaft – natürlich insbesondere seinen Sportlern Alyssa Meyer und Olaf Roggensack – viel Erfolg auf ihrem Weg nach Tokio 2021!